Die Abrechnung mit der Sucht

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Keith Richards, der Gitarrist von den Rolling Stones, beschreibt in seinem Buch „Life“ sehr offen und deutlich den Teufelskreis der Sucht und wie schwer es ist, sich davon zu befreien.

Die tägliche Routine war extrem zeitaufwendig. Ich wachte morgens auf und ging als Erstes ins Bad, nicht um mir die Zähne zu putzen, sondern um mir einen Schuss zu setzen. Kein Löffel da, verdammt. Also runter in die Küche, einen holen. Jeden Tag die gleichen idiotischen Rituale. Daran hätte ich gestern Abend denken können. Jedes Mal dauerte es länger, bis sich der Kick einstellte. Dagegen wurde das Verlangen, sich sofort wieder was zu schießen, wenn die Wirkung nachließ, immer stärker. Was soll´s einer geht noch, schließlich bin ich ja clean. Aber dieser eine Schuss zur Feier des Tages ist verhängnisvoll. Dazu kommt, dass du zwar selbst vielleicht kein Junkie mehr bist, aber alle deine Freunde sind es noch. Wer einen Entzug macht, der hat den inneren Zirkel verlassen. Und ob sie dich nun lieben oder hassen, sie wollen dich wieder dabeihaben. „Das ist wirklich guter Stoff, Mann.“ Innerhalb der Junkiewelt herrscht die Auffassung, dass jeder, der clean wird und dies auch bleibt, ein Versager ist. Wobei er versagt hat, kann dir keiner sagen. Wie oft kann man den Turkey aushalten? Es ist bescheuert, aber man selbst realisiert es nicht, dass man an der Nadel hängt, man blickt einfach nicht durch. Bei mehreren Entzügen war ich der festen Überzeugung, dass in der Wand ein Safe versteckt ist, mit allem, was ich brauche, Nadeln, Löffel, alles. Und als ich nach meinem Zusammenbruch wieder aufwachte, war die Wand mit blutigrn Kratzspuren übersät. Ich hatte mit den bloßen Fingern versucht, die Wand aufzukratzen. Ist es das wirklich wert? Damals lautete meine Antwort: Ja, das ist es.

Ich kann genauso eingebildet und flatterhaft sein wie Mick, nur das man sich das als Junkie nicht mehr erlauben kann. Die Realität sorgt dafür, dass man immer schön in der Gosse bleibt. Nicht auf der Straße, in der Gosse. Das war offensichtlich die Zeit, als Mick und ich in völlig entgegengesetzte Richtungen auseinanderdrifteten. Er hatte keine Zeit für mich und meine angebliche Unzurechnungsfähigkeit. Ich erinnere mich an eine Nacht in einer Pariser Disco, wo ich in katastrophaler Verfassung auf meinen Dealer wartete. Die Leute tanzten unter kleinen Glitzerkugeln, während ich mich unter den Sitzbänken versteckte und kotzte, weil der Mann nicht kam. Ich weiß noch, dass ich mich fragte, ob er mich hier unten überhaupt finden würde. Wenn er überhaupt noch kommt, dann schaut er sich kurz um und verpisst sich gleich wieder. Ich war reichlich verzweifelt, um es mal so zu sagen. Glücklicherweise entdeckte er mich. Aber wenn man sich in einer solchen Lage befindet und dich gleichzeitig die Welt für Numero uno hält, dann erkennt man irgendwann, wie tief man gesunken ist. Sich in diese Lage gebracht zu haben löst ein Gefühl des Selbstekels aus, den man so schnell nicht wieder los wird. Du Wichser, für Stoff würdest du wohl alles tun. Dabei bin ich doch mein eigener Herr. Keiner schreibt mir vor, was ich zu tun habe. Und trotzdem weißt du, dass der Dealer dich in der Hand hat, und das ist widerlich. Man ekelt sich vor sich selbst, wenn man auf diesen Pisser wartet und ihn anbettelt. Man kann es drehen und wenden, wie man will, Junkies sind Menschen, die auf ihren Dealer warten. Ihre Welt reduziert sich auf den Stoff. Daraus besteht ihr ganzes Universum.

Die meisten Junkies verblöden. Und das war letzlich der entscheidende Grund, der mich zur Umkehr bewegte. Wir kennen nur ein Thema, und das ist der Stoff. Geht’s nicht ein wenig intelligenter? Warum hänge ich mit diesen Nullen rum? Die sind langweilig. Schlimmer noch, viele sind absolut intelligente Menschen, die aber alle irgendwie wissen, dass sie sich haben täuschen lassen.

Andererseits……..warum eigentlich nicht? Jeder lässt sich von irgendwas täuschen, wir wissen wenigstens, dass wir uns zum Affen machen. Keiner ist ein Held, nur weil er Drogen nimmt. Aber man könnte einer werden, wenn man es schafft, die Finger davon zu lassen. Ich liebte das Zeug. Aber irgendwann reichte es. Außerdem schränkt es den Horizont so ein, bis man schließlich nur noch Junkies kennt. Ich musste meinen Horizont erweitern.

Natürlich erkennt man das alles erst, wenn man den Ausstieg geschafft hat. Dafür sorgt schon der Stoff. Wie gesagt: Er ist die verführerischte Hure der Welt.

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